Alex Müller & Verena Issel
KLAMMER AUF WIR

»KLAMMER AUF WIR«, Alex Müller & Verena Issel

Eröffnung: 27.06.2026, 18.00 Uhr
Kuratoren: Elmar Hermann, Patrick C. Haas

Wo ist der Common Ground?

Und gibt es noch ein Gesellschaftliches »Wir«?
Unter dem Titel FINES HEUTE entwickeln Alex Müller und Verena Issel
eine begehbare Zeitung, die sich über die gesamte Etage des Ma-
gazins ausbreitet. Gedruckt auf großformatige Teppiche, verwandelt
sich das Medium Zeitung in Landschaft, Parcours, Aufenthaltsort und
öffentliche Situation.
Die Besucher*innen bewegen sich durch Schlagzeilen, Essays,
Bilder und Fragmente, begleitet von einem wiederkehrenden Motiv:
dem Verschwinden. Immer wieder taucht das Wort „Ende” auf — in
unterschiedlichsten Sprachen, Bedeutungen und Zuständen. Schon
der Titel der Zeitung trägt es in sich: Fines bezeichnet im Lateinischen
nicht nur die Gebiete, die man durchschreitet, sondern auch ihre Grenzen
— und im philosophischen Kontext das Ende selbst.
Doch es geht hier nicht um den großen, finalen Untergang. Die
Ausstellung verhandelt das Ende von Epochen: das Ende des Informa-
tionszeitalters, in dem jede*r nur noch in der eigenen Echokammer lebt;
das damit einhergehende Ende der Demokratien; das wiederum damit
verbundene Ende von Staaten — aber auch das Ende von Sprachen,
Jobs, persönlichen Erinnerungen und gemeinsamer Wirklichkeit.

Der Raum

Die Ausstellung funktioniert als begehbarer Denkraum. Stählerne Rohre
tragen rohe rote Holzflächen oder Bücher über bereits untergegan-
gene Wissensformen — über die lateinische Sprache, Höhlenmalerei,
untergehende Völker oder vergangene kulturelle Ordnungen. Ein laby-
rinthisches Teppichsystem gliedert den Raum in Zonen des Lesens,
Betrachtens und Verweilens, in denen Parkbänke zur Rast einladen.
Diese Bänke sind nicht nostalgisch gemeint, sondern erscheinen
fast selbstverständlich — als Erinnerung an einen öffentlichen Ort, an
dem Zeitung einmal tatsächlich gelesen wurde: gemeinsam und doch
allein. Heute existieren geteilte Öffentlichkeit und gemeinsame Auf-
merksamkeit meist nur noch als fl üchtiger Strom auf Bildschirmen. Die
Bank bleibt zurück wie ein stilles Möbelstück einer verschwindenden
Gewohnheit.
An den Wänden hängen skulpturale Arbeiten, deren Materialität
sich nicht sofort erschließt. Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar,
dass die Metallarbeiten mit geschredderter Zeitung umhüllt sind —
eine stille Frage: Wozu lässt sich das Material noch verwenden, wenn
niemand mehr die Zeitung lesen möchte? Die Motive sind Bäume,
aus deren Holz Zeitungen entstehen; Menschen, die sie geschrieben
haben; Füße, die sich entfernen. Vieles bleibt bewusst uneindeutig. Die
Ausstellung bewegt sich zwischen Informationsraum, Ruine, Stadtpark
und begehbarer Erzählung.

Das Wir

KLAMMER AUF: WIR oszilliert zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie.
Alex Müller und Verena Issel interessiert jener Moment, in dem ge-
sellschaftliche Zustände gleichzeitig absurd, traurig und merkwürdig
komisch werden — und dies ist derzeit nun mal die sich seltsam ver-
ändernde Gegenwart. Wo ist das Wir in einem Zeitalter der Desinfor-
mation? Die gesellschaftliche Spaltung nimmt zu, ein Common Ground
scheint zunehmend zu fehlen.
Wir ist dabei auch eine Beschreibung der Arbeitsweise: Die ge-
samte Installation entstand kollaborativ und entfernt sich bewusst von
den sonst klar lesbaren Einzelsprachen beider Künstler*innen. Statt
individueller Signatur entsteht eine gemeinsame Stimme — oder viel-
leicht eher eine gemeinsame Oberfl äche, auf der sich unterschiedliche
Gedanken, Bilder und Atmosphären überlagern. Die beiden Künstlerin-
nen versuchen, wieder ein gesellschaftliches „Wir“ herzustellen, indem
sie die Mitglieder des Kunstvereins einladen, Teil der Ausstellung zu
werden. Die Mitglieder sind eingeladen zu partizipieren mit Konzerten
und Lesungen auf dem Teppich sowie eigenen Ausstellungen im Dach-
geschoss: KLAMMER AUF: IHR. Verena Issel und Alex Müller lassen
den Raum hier völlig frei: Lasst uns doch mal was zusammen machen!
KLAMMER AUF: WIR ist keine nostalgische Ausstellung über das
Ende der Zeitung. Die Frage ist vielmehr, was passiert, wenn kollektive
Formen des Lesens, Erinnerns und Wahrnehmens langsam verschwin-
den — und was an ihre Stelle tritt. Können wir zusammenhalten?

KLAMMER AUF: IHR
Offenes partizipatorisches Kunstprojekt initiiert von Alex Müller &
Verena Issel für Mitglieder des Kunstvereins

26-06-09-NKVM-Klammer-auf-wir.pdf